Über die Geschichte des Landkreises Saarlouis

Vor- und Frühgeschichte

Dass das Gebiet des heutigen Landkreises Saarlouis bereits in der Mittleren und Jüngeren Steinzeit besiedelt war, haben zahlreiche archäologische Funde belegt. Als dann später in der Älteren Eisenzeit (ab 800 v. Chr.) die keltischen Stämme der Treverer und Mediomatriker einwanderten, um sich hier endgültig niederzulassen, lösten sie die alten Kulturen der Bronzezeit (Urnenfelderzeit) ab. Vom hohen Stand ihrer Kultur zeugen die zahlreichen Bodenfunde aus der La-Téne-Periode.

Mit der Eroberung Galliens durch Gaius Julius Cäsar in den Jahren 58 bis 51 v. Chr.  setzte der Romanisierungsprozess ein. Im Zusammenleben von den Kelten und Römern verschmolzen die beiden Kulturen zur gallorömischen Kultur. Im Raster mehrer Handels- und Fernstraßen (Trier – Straßburg und Mainz – Metz) entwickelten sich Handel und Gewerbe. Im Schnittpunkt dieser Straßen entstand zur Sicherung der Handelsplätze dort, wo sich heute der Dillinger Stadtteil Pachten befindet, im ersten nachchristlichen Jahrhundert des Kastell Contiomagus. Hier dokumentieren einige wenige Mauerreste und ein Museum diese Epoche. Der Volkssage nach soll in der Nähe von Pachten auch Pontius Pilatus „auf Maul und Nas“ begraben sein.

Damals reichten die Handelsbeziehungen bis nach Italien. Im Emilianusstollen im Wallerfanger Ortsteil St. Barbara wurde damals das azurithaltige Kupfererz abgebaut. Im gallorömischen Quellheiligtum in Wallerfangen-Ihn verehrte man die keltischen Göttinnen Sirona (Heilgöttin) und Rosmerta (Fruchtbarkeitsgöttin) gemeinsam mit den römischen Gottheiten Apollo (Gott der Gesundheit) und Merkur (Schutzgott des Handelns). Beide Bodendenkmäler sind erschlossen und beredte Zeugen dieser Zeit.

Die einfallenden Franken setzten in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Chr. der Römerherrschaft ein Ende. Contiomagus wurde zerstört. Die keltoromanische Bevölkerung passte sich relativ schnell der fränkischen Kultur an und übernahm auch die Sprache der Eroberer. Bis heute spricht man hier einen moselfränkischen Dialekt.

Vom Mittelalter zur Neuzeit

Bei der Teilung des Karolingerreiches wurde dieser Landstrich 925 n. Chr. Teil des ostfränkischen Reiches, des späteren Heiligen Römischen reiches Deutscher Nation. Neben den Landesherrschaften Lothringen. Kurtrier und Nassau-Saarbrücken bildeten sich im Mittelalter noch mehrere Freie Reichsherrschaften. Ein wahrer Flickenteppich also. Die Teufelsburg, die Siersburg und das befestigte Städtchen Berus waren herzoglich-lothringische Lehen. Aufgabe der Siersburg war es, die Salzstraße zu kontrollieren, die von Flandern nach Italien hier vorüber führte. Im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit wurde im Ämilianusstollen das Kupfermineral Azurit abgebaut, aus dem die Farbe Ägyptisch Blau hergestellt wurde. Auch Albrecht Dürer soll mit Wallerfanger Blau gemalt haben. Wallerfangen wurde 1581 Hauptort der Ballei (des Oberamtes) Deutsch – Lothringen.

Vom Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurde auch diese Gegend heimgesucht. Französische, lothringische und schwedische Truppen plünderten und brandschatzten das Land. Ein größeres Gefecht ist später als „Schlacht bei Wallerfangen“ in die Regionalgeschichte eingegangen.
Zur Ruhe kam das Land aber erst nach dem Pyrenäenfrieden 1659. Die Bevölkerung war durch Krieg und Pest dezimiert, und es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Dörfer wieder erholten. Zur Verbesserung der Lebensverhältnisse wurde die Landwirtschaft neu geordnet.

An die Stelle der bislang üblichen Streuhöfe traten nun auf dem Saargau die geschlossenen Reihendörfer mit ihren typischen Lothringer Bauernhäusern.
Das Haus Saargau, das der Landkreis Saarlouis in Wallerfangen-Gisingen erworben, restauriert und als ländliches Museum eingerichtet hat, gibt Zeugnis hiervon.

Im Zuge der Reunionspolitik Ludwigs XIV. wurde das Gebiet heutigen Landkreises von Frankreich okkupiert und 1680 teilweise in die Saarprovinz, teilweise in die Provinz der „Drei Bistümer“ (Metz, Toul und Verdun) eingegliedert.
Bereits im November 1679 hatte Ludwig XIV. den Bau der Festungsstadt Saarlouis angeordnet. Sie wurde Teil eines Systems von zehn Festungen, dem die Aufgabe zukam, das besetzte Lothringen an der Ostgrenze zu sichern und gleichzeitig eine günstige Ausgangsposition für weitere Gebietsansprüche zu schaffen. Die Besiedlung der Stadt erfolgte aus dem Umland, insbesondere aus Wallerfangen, dem ehemaligen Verwaltungssitz Deutsch-Lothringens. Der Ort wurde 1688 auf Anordnung des Königs, der keine Konkurrenz für Saarlouis duldete, bis auf wenige Häuser zerstört. Die Baumaterialien durften aber von den Eigentümern zur Errichtung ihrer Wohnhäuser in der Festungsstadt verwendet werden. Wallerfangen erstand später zwar wieder aus den Trümmern, erlangte aber nie mehr seine alte Bedeutung.

Thomas de Choisy – bald erster Gouverneur der Stadt –   hatte das Wiesengelände zwischen Wallerfangen und Fraulautern (dort befand sich ein hochadliges Frauenstift) als Standort vorgeschlagen und das Festungsprojekt nach „Vaubans erstem System“ entworfen.
Aber auch Vauban selbst nahm persönlich auf den Festungsbau Einfluss. Anfang 1680 kam er nach Wallerfangen, begutachtete das Gelände, korrigierte und ergänzte die Entwürfe Choisys. Die Vorstellung der geplanten Festung ließ ihn gar ins Schwärmen geraten. In der Tat kam das „königliche Sechseck“, das hier in fast reiner Form verwirklicht werden konnte, geometrischer Vollkommenheit sehr nahe. Bis heute bestimmt es die Struktur der Stadt: der rechtwinklige, geradlinige Verlauf der Straße gibt der City noch immer eine geometrische Ordnung; auf den zugeschütteten Wallgräben zeichnet die innere Ringstraße bis heute den Festungsstern nach. Das Stadtzentrum wird nach wie vor von der streng quadratischen Größe des Marktplatzes beherrscht, dessen Diagonalen exakt die vier Haupthimmelsrichtungen anzeigen.
In die Zeit der Stadtgründung fallen auch die Anfänge der Dillinger Hütte. 1685 erteilte Ludwig XIV. die Erlaubnis, in Dillingen eine Eisenschmiede zu errichten. Aus der Festungsstadt kamen dann die ersten großen Aufträge.

Nach dem Frieden von Rijswijk musste Frankreich 1697 die besetzten Gebiete an Lothringen zurückgeben. 1720 erteilte König Stanislas Leszczynski, Herzog von Lothringen, dem Dillinger Werk die Konzession zur Herstellung von Weißblechen. So entwickelte es sich zum ersten Blechwalzwerk auf dem europäischen Kontinent. Als nach dem Tode Stanislas Leszczynski ganz Lothringen an Frankreich fiel, wurde auch das Gebiet des heutigen Landkreises Saarlouis wieder französisch und blieb es bis 1815. Die Amtssprache war französisch, doch die Bevölkerung sprach weiterhin ihren moselfränkischen Dialekt.

In die französische Zeit fielen auch die Jahre der Großen Revolution, die dem Ancien Régime in Frankreich ein Ende setzte. Saarlouis wurde Verwaltungssitz eines Distriktes, dessen Gebiet weit über das heutige Kreisgebiet hinausreicht. Er gehörte zu Moseldepartement.
Politisch bestimmend wurde der radikale örtliche Jakobinerclub. Auf dem Marsfeld in Paris kommandiere Pierre Richard, Baron d’ Ueberherrn, der Kommandeur der Saarlouiser Nationalgarde, am 14. Juli 1790 die Abordnung der Nationalgarden, die das Moseldepartement zum Förderationsfest entsandt hatte.
Nach der Hinrichtung des Königs wurde der Name Saarlouis, der sich auf die Dynastie der Bourbonen bezog, suspekt. Der Nationalkonvent änderte ihn denn auch in Sarrelibre (übersetzt: Saarfreiheit). 1810 gab Napoleon ihr den alten Namen zurück.
Während des „terreur“, den Monaten des Terrors, starben 1794 auch dreizehn Bürgerinnen und Bürger aus dem Distrikt Sarrelibre in Paris auf der Guillotine. Der Scharfrichter Charles Henri Sanson hat sie alle in seinem Tagebuch namentlich vermerkt. Zwei Hinrichtungen wurden auch mittels einer fahrbaren Guillotine auf dem Marktplatz von Sarrelibre vollzogen.

Zwischen Deutschland und Frankreich

Nach der endgültigen Niederlage Napoleons fiel dieser Landstrich 1815 an Preußen. Im Juli 1816 wurde der Kreis Saarlouis gebildet. Sein Gebiet umfasste allerdings nur Teile des ehemaligen Distrikts. Bis heute hat sich sein Zuschnitt nur unwesentlich verändert. Auf den Höhen des Saargaus bildete die Ostgrenze des Kreises zugleich die Staatsgrenze zu Frankreich. Endgültig festgelegt wurde sie allerdings erst 1830. Aus dieser Zeit stammt auch die eigenwillige Grenzziehung in Wallerfangen-Leidingen. Bis heute verläuft hier die Staatsgrenze in der Mitte der Straße und teilt sie in eine französische und deutsche Straßenseite.

Organisatorisch fasste die preußische Regierung jeweils mehrere Dörfer zu Bürgermeistereien zusammen und gliederte sie in den neu gebildeten Kreis Saarlouis ein. Saarlouis wurde Kreisstadt. Erster preußischer Bürgermeister wurde Michael Reneauld, ein ehemaliger französischer Revolutionsgeneral. Er war schon zur französischen Zeit Bürgermeister (maire) der Stadt gewesen. Von seiner Amtsführung versprach man sich eine reibungslose Integration in den preußischen Staatsverband.

Am 01. Dezember 1815 hatten preußische Truppen die Festung übernommen. Erster preußischer Festungskommandant wurde Carl Ferdinand v. Langen, der in den Unabhängigkeitskriegen gegen Napoleon gekämpft hatte. Sowohl Michael Reneauld als auch General von langen sind auf dem Alten Friedhof Saarlouis begraben.

Die Festungswerke der Stadt wurden nun weitgehend saniert und teilweise erneuert. Die alten französischen Kasernen wurden mit wenigen Ausnahmen durch preußische ersetzt. Aus der Gründungszeit ist nur noch die Kaserne I erhalten.
Mitte der 1850er Jahre setzte die Industrialisierung ein. Die Kohlengruben waren schon früher in staatliche Regie übergegangen. Durch das Saartal wurde die Eisenbahnlinie Saarbrücken-Trier geführt und 1860 durch den Prinzregenten Wilhelm, den späteren Kaiser Wilhelm I., in Betrieb genommen.
Trotz der fortschreitenden Industrialisierung in diesen so genannten Gründerjahren behielten weite Teile des Landkreises ihre landwirtschaftliche Struktur. Deshalb bemühten sich die Landräte hier auch intensiv um die Entwicklung einer modernen Landwirtschaft.

Die Niederlage Frankreichs im Deutsch-französischen Krieg führte 1871 zu einer neuen Grenzziehung. Elsass-Lothringen wurde deutsches Reichsland und die deutsch-französische Staatsgrenze rückte von den Höhen des Saargaues ein gutes Stück weiter nach Westen.
Durch die moderne Kriegstechnik hatte die Festungsstadt Saarlouis ihre strategische Bedeutung verloren. 1889 ordnete die Militärverwaltung die Entfestigung an. Die Wallgräben wurden zugeschüttet und auf ihnen Alleen angelegt, die bis heute den Stadtkern umschließen. Jenseits dieser Alleen entstand die so genannte Neustadt. Hier wurden zwischen 1894 und 1911 auch die Verwaltungsgebäude der Kreisverwaltung errichtet.

Preußisch-deutsch blieb der Landkreis bis nach dem 1. Weltkrieg. Auf Grund des Versailler Vertrags erfolgte 1920 eine Lostrennung des Saargebietes vom Reich. Die Regierungsgeschäfte übernahm eine Kommission des Völkerbundes. In einer Volksabstimmung entschieden sich die Saarländer fünfzehn Jahre später für die Rückgliederung und kehrten 1935 „heim ins Reich“. Die Westgrenze des Landkreises wurde wieder deutsch-französische Staatsgrenze.
Der Name der Stadt und des Landkreises verfiel im Januar 1936 der Germanisierung: Saarlouis wurde vom Reichsinnenminister in Saarlautern umbenannt.

Im Mai 1938 begannen auch Im Kreis Saarlouis die Bauarbeiten am Westwall, einem Befestigungssysteme, das sich in unterschiedlicher Tiefer zur Reichsgrenze von Aachen bis Basel erstreckte. Im Kreis Saarlouis verlief er auf der rechten Saarseite. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges zählte der Raum zwischen Grenze und Westwall zur Roten Zone, deren Bevölkerung nach Kriegsausbruch im September 1939 evakuiert wurde.

Zu einer geordneten zweiten Evakuierung kam es in den letzten Kriegsmonaten hingegen nicht mehr. Schon im Dezember 1944 waren die amerikanischen Truppen bis zur Saar vorgestoßen. Im März des folgenden Jahres besetzten sie auch das restliche Saargebiet. Zu Hause fanden die Evakuierten großteils nur noch Ruinenfelder vor. Die schweren Luftangriffe und die monatelange Bodenkämpfe hatten Wohnhäuser, Kirchen, Schule und Krankenhäuser in Trümmer gelegt. Brücken waren gesprengt, Gleise und Versorgungsleitungen zerstört. Am stärksten betroffen waren Saarlouis, Dillingen und Ensdorf, wo die amerikanischen Einheiten im Vorfeld des Westwalls Brückenköpfe gebildet hatten. Die Kreisstadt und damit auch der Landkreis erhielten sogleich ihren historischen Namen Saarlouis zurück.

Das Kriegsende veränderte noch einmal die Grenzlage. Das Saarland wurde autonomer Staat mit wirtschaftlichem Anschluss an Frankreich und Zollgrenzen zur Bundesrepublik Deutschland. Als sich die Saarländer nach acht Jahren saarländischer Autonomie für einen Beitritt zur Bundesrepublik entschieden, wurde das Saarland 1957 Zehntes Bundesland. Mit der wirtschaftlichen Rückgliederung wanderten auch die Zollgrenzen wieder nach Westen auf die Gauhöhe. Sie wurden im Zuge der europäischen Einigung immer durchlässiger. Inzwischen haben die Zollhäuser ihre alte Funktion ganz verloren und werden heute anders genutzt. Die Staatsgrenze wird nur noch durch freundliche Hinweisschilder angezeigt.

Der Landkreis heute

Die heutige Struktur des Landkreises ist geprägt durch das Nebeneinander und Ineinander von Naturlandschaften und Großindustrie. Die Saar wurde in den 1970iger Jahren begradigt, kanalisiert und zur Schifffahrtsstraße ausgebaut. Auf die Industrieschiene im Saartal reihen sich die Grube Ensdorf, die Fordwerke, die Dillinger Hütte und der Saarhafen Saarlouis-Dillingen. Daneben hat aber auch die Landwirtschaft weiterhin ihre Bedeutung. Weite Landstriche sind von Naturlandschaft und ländlichen Siedlungen geprägt. In vielen Orten haben sich landestypische Bauern- und Arbeiterhäuser erhalten, die den Dörfern ihren Charakter und ihre Eigenart geben: die lothringer und die südwestdeutschen Bauernhäuser, in Sandstein gemauert, Wohn- und Wirtschaftsteil unter einem Dach vereint, und die Bergarbeiterhäuser des 19. Jahrhunderts mit ihren Backstein- oder Klinkerfassaden.

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Das kulturelle Erbe

Eine mehrtausendjährige Geschichte hat diesem Landstrich ihre Spuren eingegraben, und die Zeiten, die darüber hinweggegangen sind, haben sie nicht vollständig tilgen können. Eine Fülle von Boden- und Baudenkmälern (Sakral- wie Profananbauten) dokumentiert authentisch die verschiedenen Epochen von der Antike bis zur Neuzeit. Im Landkreis Saarlouis hat man sich des kulturellen Erbes angenommen und die Zeugnisse der Vergangenheit erschlossen, restauriert, konserviert und mit der gebotenen Zurückhaltung auch rekonstruiert. In ihnen findet die Identität des Landkreises einen wesentlichen Ausdruck.

Verfasser: Hans Jörg Schu